
Fünf Wochen können an den Energiemärkten viel verändern. In diesem Fall haben sie vor allem eines bestätigt: Die Risiken, vor denen wir seit Monaten warnen, sind inzwischen im Preis angekommen.
Und ich möchte an dieser Stelle bewusst etwas deutlicher werden als sonst.
Bereits seit März weisen wir auf ein zunehmend ungünstiges Chancen-Risiko-Verhältnis und steigende Preisrisiken hin. Ende April haben wir daraus erstmals eine konkrete Größenordnung abgeleitet und Gaspreise von 50 bis 60 €/MWh für das Frontjahr als realistisches Szenario bezeichnet. Im Mai wurden wir noch deutlicher: „Spätestens für den Herbst erwarten wir wieder Preise jenseits von 50 €/MWh.“
Gestern stand das Gas-Frontjahr 2027 bei 56,74 €/MWh. In unserem letzten Bericht waren es noch 40,997 €/MWh. Ein Anstieg von rund 38 Prozent. Beim Strom ist die Entwicklung ähnlich deutlich: Das Frontjahr 2027 ist von 99,93 auf 123,77 €/MWh gestiegen. Ein Plus von knapp 24 Prozent in gerade einmal fünf Wochen. Das ist erheblich. Überraschend ist es aus unserer Sicht allerdings nicht.
Denn der Markt hat in den vergangenen Monaten zunehmend ausgeblendet, wie entscheidend die tatsächliche Verfügbarkeit von Energie wieder werden kann.
Europa ist heute deutlich besser aufgestellt als während der Energiekrise 2022. Die Bezugsquellen sind breiter, die LNG-Infrastruktur ist größer und der Gasverbrauch niedriger. Das hat über Monate für Sicherheit gesorgt – und aus meiner Sicht gleichzeitig dazu geführt, dass eine ganze Reihe von Risiken zunehmend ausgeblendet wurden.
Die Gasspeicher liegen aktuell europaweit bei nur 66,59 %, in Deutschland sogar bei lediglich 54,16 %. Wie angespannt die Ausgangslage tatsächlich ist, zeigt vor allem der Vergleich zum Vorjahr: Am gleichen Tag des Vorjahres waren die Speicher in Europa zu 79,2 % und in Deutschland zu 73,69 % gefüllt. Deutschland startet damit mit einem Rückstand von knapp 20 Prozentpunkten in die entscheidenden Wochen vor der Heizperiode.
Gleichzeitig läuft die norwegische Wartungssaison, während das Zeitfenster für weitere Einspeicherungen immer kleiner wird und Europa zusätzliche LNG-Mengen am Weltmarkt beschaffen muss. Zur Wahrheit gehört aber auch: Am Weltmarkt wartet niemand auf Europa. LNG fließt dorthin, wo der höchste Preis bezahlt wird – und genau hier beginnt der Wettbewerb mit Asien.
Auch die Lage im Nahen Osten bleibt angespannt. Zusätzliche Mengen sind nicht beliebig verfügbar und ab Januar verschärft das europäische Importverbot für russisches LNG die Situation zusätzlich. Genau diese Frage der physischen Verfügbarkeit war in unseren Berichten immer wieder das zentrale Thema.
Und auch beim Strom zeigt sich das gleiche Muster. Niedrige Pegelstände belasten die Wasserkraft, Teile der französischen Kernkraft sind eingeschränkt und zuletzt haben mehrere Sabotageakte gegen deutsche Energieinfrastruktur vor Augen geführt, wie verwundbar ein Versorgungssystem sein kann.
Nicht jeder dieser Faktoren ist für sich genommen kritisch. In ihrer Kombination erhöhen sie jedoch den Druck auf die Preise spürbar. Es reicht, wenn genügend Marktteilnehmer gleichzeitig erkennen, dass die komfortable Ausgangslage, die sie ihren Beschaffungsentscheidungen zugrunde gelegt haben, nicht mehr existiert. Dann bekommt Risiko plötzlich wieder einen Preis. Genau das erleben wir gerade.
Wer unseren Bericht in den vergangenen Monaten aufmerksam verfolgt und unsere Handlungsempfehlungen umgesetzt hat, kann diese Entwicklung vergleichsweise gelassen beobachten. Viele unserer Kunden haben rechtzeitig zumindest Teile ihrer zukünftigen Mengen abgesichert.
Darüber freuen wir uns. Nicht, weil wir mit steigenden Preisen Recht behalten wollten. Sondern weil genau darin der Sinn einer guten Beschaffungsstrategie liegt: Risiken zu erkennen, bevor der Markt sie vollständig einpreist.
Für Unternehmen, die bislang abgewartet haben, gilt aber genauso: Es ist nicht zu spät. Aber die Ausgangslage ist heute eine andere.
Die Preise aus dem Frühjahr können wir nicht zurückholen. Was wir sehr wohl können, ist die heutige Situation neu bewerten, Risiken aufteilen und eine Beschaffungsstrategie entwickeln, die nicht darauf angewiesen ist, dass der Markt irgendwann wieder zu alten Preisniveaus zurückkehrt. Denn genau diese Hoffnung halte ich im aktuellen Marktumfeld für gefährlich.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start in das letzte Drittel des Jahres und bei Ihren Energieentscheidungen vor allem den Mut, nicht darauf zu warten, dass der Markt die Risiken ein zweites Mal verdrängt.
Beste Grüße
Patrick Bessero
Der deutsche Strommarkt bleibt fest, wobei insbesondere die gestiegene Bedeutung der Gaskraftwerke auffällt: Ihr Anteil an der Stromerzeugung erhöhte sich im August gegenüber dem Vorjahr von 6,7 auf 8,2 %. Gleichzeitig gingen die französischen Nettoexporte nach Deutschland um 43 % zurück, wodurch ein wichtiger preisdämpfender Faktor deutlich schwächer ausfiel.
Das Frontjahr 2027 setzte seine Aufwärtsbewegung fort und notiert inzwischen bei 123,77 €/MWh. Damit liegt der Kontrakt nur noch knapp unter seinem bisherigen 52-Wochen-Hoch von 124,35 €/MWh – die 120-Euro-Marke hat sich damit zunächst klar nach oben durchbrochen.
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Der deutsche Strom-Spotmarkt erreichte im August einen durchschnittlichen Baseloadpreis von 126,89 €/MWh und damit den höchsten Monatswert seit Februar 2025. Gegenüber Juli entspricht das einem Anstieg von rund 20 %, gegenüber August 2025 sogar von knapp 65 %.
Unsere Einschätzung
Die Aufwärtsbewegung ist aus unserer Sicht noch nicht beendet. Solange Gas, CO₂ und die eingeschränkte Verfügbarkeit konventioneller Erzeugung den Markt stützen, halten wir beim Strom-Frontjahr auch Preisniveaus von bis zu 140 €/MWh für möglich.
Der deutsche Gasmarkt zeigt inzwischen bei nahezu allen Laufzeiten deutliche Knappheitssignale. Besonders auffällig ist die Kombination aus sehr hohen kurzfristigen Preisen und einem Frontjahr nahe seinem 52-Wochen-Hoch – der Markt verlangt damit sowohl für die unmittelbare Versorgung als auch für das Jahr 2027 eine hohe Risikoprämie.
Das THE-Frontjahr 2027 ist weiter auf 56,00 €/MWh gestiegen und markiert damit ein neues 52-Wochen-Hoch. Der Aufwärtstrend bleibt somit intakt und hat sich zuletzt nochmals beschleunigt. Bemerkenswert ist die Dynamik: Noch Mitte Dezember lag das jeweilige Frontjahr bei rund 28 €/MWh. Auch zwischenzeitliche Rücksetzer bis in den Bereich von 35 €/MWh im Juni wurden inzwischen vollständig aufgeholt.
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Im THE-Spotmarkt wurde zuletzt ein Preis von 73,00 €/MWh erreicht und damit ein Niveau, das die aktuell angespannte physische Versorgung sehr deutlich widerspiegelt. Die kurzfristige Beschaffung ist damit inzwischen erheblich teurer als die Absicherung des Kalenderjahres 2027.
Unsere Einschätzung
Wir halten zunächst an unserer Erwartungsrange von bis zu 60 €/MWh für das THE-Frontjahr fest. Erste kältere Winterprognosen könnten die Bewegung aber schnell in Richtung 70 €/MWh beschleunigen. Hauptproblem bleibt die physische Verfügbarkeit von Gas.
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Hinweis: Der Energiemarktbericht dient ausschließlich Informationszwecken und stellt weder eine individuelle Beratung noch ein Angebot zum Kauf von Energie dar. Wir empfehlen eine individuelle, auf Ihr Verbrauchsverhalten bezogene Beratung durch Ihren Ansprechpartner. Datenstand: 07.09.26